Ein sicherer Raum für alle – was Demokratie und Therapie verbindet
21. Sep. 2026
Was hat ein Konzert mit Michel Friedman mit meiner Arbeit als Therapeutin zu tun? Eine persönliche Gedankenreise über Meinungsfreiheit, einen geschützten therapeutischen Raum und die Freiheit, mit allem da sein zu dürfen.
Ich war mit Michel Friedman im Konzert.
Vor einem Konzert hat Michel Friedman in der Philharmonie eine Ansprache gehalten. Es ging passend zur Wahl in Berlin um das Grundgesetz, um Demokratie und Meinungsfreiheit – und darum, wie wertvoll es ist, dass wir in unserem Land unterschiedliche Meinungen haben und äußern dürfen. Ich fand diesen Gedanken sehr berührend. Denn Freiheit bedeutet für mich nicht, dass wir alle dasselbe denken. Freiheit bedeutet auch, dass wir aushalten müssen, wenn jemand eine andere Meinung hat als wir.
Am Ende der Ansprache haben einige Menschen demonstrativ nicht geklatscht. Und auch das gehört zur Meinungsfreiheit. Ich muss nicht klatschen, wenn ich etwas nicht gut finde. Ich darf widersprechen oder etwas ablehnen. Und trotzdem darf der andere Mensch da sein. Während ich dort saß, musste ich an meine Arbeit in der Praxis denken. Denn auch dort geht es für mich um einen Raum, in dem Menschen mit dem sein dürfen, was gerade da ist.
Ein geschützter Raum, in dem alles da sein darf
In einer therapeutischen Begleitung begegnen mir Menschen mit sehr unterschiedlichen Geschichten und Lebensentwürfen. Manche kommen, weil sie traurig oder erschöpft sind, andere fühlen sich orientierungslos, stecken in einer Beziehungskrise oder merken, dass sich bestimmte Muster in ihrem Leben immer wiederholen. Und manchmal geht es zunächst um etwas, das sich gar nicht so leicht in Worte fassen lässt: eine Wut, für die scheinbar kein Platz ist, eine Angst, die man sich selbst kaum erklären kann, Scham, Traurigkeit oder das Gefühl, irgendwie nicht richtig zu sein.Vielleicht gibt es auch Gedanken oder Überzeugungen, von denen man nicht weiß, wie das Gegenüber darauf reagieren wird.
Für mich ist wichtig, dass all das Raum haben darf. Egal, wie Sie leben. Egal, welche Entscheidungen Sie getroffen haben oder welche persönlichen und politischen Überzeugungen Sie haben. Im therapeutischen Raum müssen Sie nicht erst eine bestimmte Version von sich werden, um willkommen zu sein. Sie dürfen zunächst einmal da sein, so wie Sie gerade sind.
Therapie bedeutet nicht, einer Meinung sein zu müssen
Im Alltag überlegen wir häufig sehr genau, was wir sagen können und was vielleicht besser unausgesprochen bleibt. Wir passen uns an, wollen andere nicht vor den Kopf stoßen oder vermeiden Konflikte. Das gehört zu unserem sozialen Miteinander und kann manchmal sinnvoll sein. Gleichzeitig kann es anstrengend sein, ständig darauf zu achten, wie wir auf andere wirken.
Ein therapeutischer Raum darf anders sein. Sie müssen sich nicht präsentieren und auch nicht schon wissen, was mit Ihnen los ist. Sie müssen keine fertige Lösung mitbringen. Wir können gemeinsam hinschauen und uns fragen: Was fühle ich eigentlich? Was denke ich? Was passiert gerade in meinem Körper? Welche Muster wiederholen sich in meinem Leben?
Gerade wenn wir uns selbst nicht verstehen, kann es hilfreich sein, nicht sofort nach einer Lösung zu suchen, sondern zunächst wahrzunehmen. Was ist da? Und was möchte vielleicht verstanden werden?
Auch schwierige Gefühle dürfen Raum bekommen
Viele Menschen haben irgendwann gelernt, bestimmte Gefühle zurückzuhalten. Vielleicht war Wut nicht erwünscht. Vielleicht hieß es, man solle sich nicht so anstellen, nicht so empfindlich sein oder sich einfach zusammenreißen. Mit der Zeit können wir dabei den Kontakt zu uns selbst verlieren. Wir funktionieren, machen weiter und versuchen, den Erwartungen von außen gerecht zu werden. Irgendwann ist es gar nicht mehr so einfach zu unterscheiden: Was möchte eigentlich ich? Was brauche ich? Und welche Vorstellungen davon, wie ich sein sollte, habe ich vielleicht irgendwann übernommen?
In meiner Arbeit geht es deshalb auch darum, wieder genauer wahrzunehmen, was in uns passiert. Dabei kann der Körper eine wichtige Rolle spielen. Nicht alles, was uns beschäftigt, lässt sich allein über den Verstand verstehen. Manchmal spüren wir schon lange eine Anspannung, einen Druck im Brustkorb oder eine innere Unruhe, bevor wir überhaupt Worte dafür haben. Auch das darf zunächst einmal da sein. Nicht alles muss sofort verändert werden. Manches möchte erst einmal gesehen und verstanden werden.
Ein sicherer Raum heißt nicht, dass alles gutgeheißen wird
Sich in einer Therapie sicher zu fühlen bedeutet für mich nicht, dass wir uns gegenseitig immer bestätigen müssen. Ein geschützter Raum darf auch unbequem sein. Ich darf Fragen stellen, einen Gedanken spiegeln oder Sie mit etwas konfrontieren, das Sie vielleicht bisher lieber nicht angeschaut haben. Der entscheidende Unterschied liegt für mich in der Haltung dahinter: Es geht nicht darum, Ihnen vorzuschreiben, wie Sie denken oder leben sollten. Es geht darum, Ihnen zu ermöglichen, sich selbst besser zu verstehen. Ich weiß nicht, was für Sie richtig ist. Aber ich kann Sie dabei begleiten, es herauszufinden. Denn Veränderung braucht nicht immer zuerst eine Antwort. Manchmal braucht sie einen Raum, in dem etwas sein darf.
Mit allem da sein
Vielleicht ist das die Verbindung, die ich aus diesem Konzert mitgenommen habe. Wir leben in einer Zeit, in der Meinungen schnell aufeinandertreffen und Menschen sich gegenseitig einordnen. In richtig und falsch, für uns oder gegen uns. Vielleicht brauchen wir deshalb Räume, in denen wir wieder lernen können, einander wirklich zuzuhören – nicht unbedingt, damit wir am Ende einer Meinung sind, sondern damit wir den anderen Menschen überhaupt wieder wahrnehmen können.
Genau so verstehe ich auch meine Arbeit. Sie müssen nichts beweisen und nichts schönreden. Sie dürfen widersprüchlich sein, zweifeln, wütend oder traurig sein. Sie dürfen nicht wissen, was der nächste Schritt ist.
Sie dürfen mit allem da sein.
Das empfinde ich als wertvoll. Und genau deshalb lebe ich es in meiner Praxis aus voller Überzeugung.